
Interview vom 19. August 2026
Wenn man nach dem ältesten noch aktiven Schlagzeuger in der Rockmusik sucht, landet man immer wieder bei Nick Mason von der Gruppe Pink Floyd, der im Januar 82 Jahre alt geworden ist, und beim ehemaligen Beatles-Drummer Ringo Starr, der im Juli 86 Jahre alt geworden ist. Was uns die Suchmaschinen aber hier fleißig verschweigen, ist, dass es einen gibt, der noch älter als die beiden international erfolgreichen Musiker ist. Die Rede ist von Dietmar Ränker von der Gruppe BERLUC. Um wie viel älter er ist, verrät er nicht. Doch wenn man zwischen den Zeilen in einem Interview von vor zwei Jahren lesen kann, in dem er vorgerechnet hat, wie lange es noch dauert, bis er mit 100 Jahren als ältester noch aktiver Schlagzeuger ins Guinness-Buch der Rekorde kommen will, weiß man es aber. Im Oktober erscheint nun das erste Livealbum seiner Band. Auf einer Doppel-LP bringt das Label ROKKfilm einen Mitschnitt des BERLUC-Konzerts aus dem Jahre 1984 in Prenzlau heraus. Schon damals war Ränker bereits über 40 und gab als Mann in den mittleren Jahren den Takt in einer der härtesten Kapellen der DDR vor. Auf der Platte zu hören ist die laut Plattenfirma wohl beste Besetzung dieser Gruppe aller Zeiten: Manfred Kähler als Sänger und Gitarrist, Detlef Brauer als Gitarrist und Backgroundsänger, Wolfgang Hoffmann am Bass, Alexander Stehr am Keyboard und eben Dietmar Ränker an den Trommeln. Sie sind nach über 40 Jahren auf zwei Langspielplatten noch mal live zu erleben. Grund genug, um mit dem ältesten noch aktiven Schlagzeuger nicht nur unseres Landes über eben dieses erste Livealbum seiner Band und überhaupt über die Zeit von damals zu plaudern. Dies tat unser Kollege Christian in der vergangenen Woche als Appetitanreger für die zum 9. Oktober angekündigte Veröffentlichung des Livealbums.
Dietmar, mehr als 40 Jahre nach diesem Konzert in Prenzlau erscheint nun plötzlich ein kompletter Berluc-Abend von 1984 auf Doppel-LP. Stammt dieser Mitschnitt aus deinem privaten Fundus, oder wo kommt er her?
Jens-Uwe Berndt, genannt JUB, von ROKKfilm gab mir die Info, dass der Mittschnitt vom Rundfunk ist. Er hat ihn dort aus dem Archiv gehoben, und sein Label hat die Aufnahmen für eine Veröffentlichung bearbeitet.
Weißt du noch, wann du zum ersten Mal erfahren hast, dass dieser Mitschnitt überhaupt noch existiert - und was war dein erster Gedanke?
Über JUB hab ich davon erfahren. Mein erster Gedanke war, "Oh, was soll die Leiche? Nach so viel Jahren will das doch keiner mehr hören." JUB ließ aber nicht locker bis ich gesagt habe, "Na, dann komm mal mit dem Mitschnitt auf einem Stick zu mir". Als ich das dann hörte war ich überrascht, wie gut das ab geht.

Das Album "Fliegen vor der Zeit (live 1984)"
Kannst du dich an den konkreten Abend in Prenzlau noch erinnern? Gibt es irgendetwas, das dir sofort wieder in den Kopf kam, als du die Aufnahmen nach all den Jahrzehnten gehört hast?
An Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern, dafür ist das viel zu lange her. Aber als ich das Band gehört habe, war das schon unglaublich. Heute weiß ich, warum wir so viele Fans hatten und haben.
Wenn man einen solchen Mitschnitt hört, begegnet man gewissermaßen seinem eigenen, gut 40 Jahre jüngeren Ich. Wie war das für dich? Hörst du als Schlagzeuger zuerst auf dein eigenes Spiel oder nimmst du Berluc heute eher als Gesamtbild wahr?
BERLUC habe ich schon immer als Gesamtbild gesehen. Aber natürlich hört man auf einem solchen Mitschnitt, wie man sich über all die Jahre selbst weiterentwickelt hat. Ich bin ja nun von Anfang an in dieser Band und kann das daher am besten beurteilen. Aber auch wenn ich diese Unterschiede höre, achte ich trotzdem nicht allzu sehr auf meine Arbeit, sondern auf das Zusammenspiel der gesamten Band.
Der Pressetext des Labels bezeichnet die Besetzung mit Manfred Kähler, Detlef Brauer, Wolfgang Hoffmann, Alexander Stehr und dir als die vielleicht beste Besetzung von BERLUC. Würdest du das unterschreiben?
Wenn das ROKKfilm so sieht, wird da wohl was dran sein. Es war wirklich eine kreative Band und eine sehr gute Besetzung.
Manfred Kähler hast du schon in unserem Interview 2008 als einen Sänger bezeichnet, der BERLUC entscheidend geprägt hat. Was hatte Manne auf der Bühne, was vielleicht kein anderer BERLUC-Sänger in dieser Form hatte?
Über die Stimme kann man sich vielleicht streiten, aber Manne hatte etwas ganz Entscheidendes, und das war die Unverwechselbarkeit. Seine Stimme und seinen Stil hat man damals schon 100 Meter gegen den Wind erkannt.

Immer für einen Spaß bereit: Dietmar Ränker
Im Pressetext heißt es ziemlich selbstbewusst: "BERLUC waren auf der Bühne eine Macht." Woher kommt diese Beschreibung?
Ich habe mich lange mit JUB unterhalten und dabei gemerkt, dass er weiß wovon er spricht. Er kannte die Band schon damals sehr gut und hat sich Konzerte von uns angehört. Daher kommt der Spruch, "BERLUC war auf der Bühne eine Macht", auch von ihm. Wir versuchen das heute noch bei Konzerten rüber zu kriegen wie wir damals bei den Leuten angekommen sind.
Die Platte zeigt auch, wie hart BERLUC 1984 tatsächlich gespielt haben. War euch damals eigentlich bewusst, dass ihr euch damit innerhalb der DDR-Rockszene ziemlich weit in Richtung Hard Rock beziehungsweise Heavy Metal bewegt hattet, oder waren solche Schubladen für euch völlig uninteressant?
Schubladen waren für mich schon immer uninteressant. Wir haben das gespielt was wir gefühlt haben.
Als Schlagzeuger hattest du bei dieser Musik natürlich eine Schlüsselrolle. Wenn du dein Spiel von 1984 heute hörst: Was war damals typisch "Dietmar Ränker"? Und würdest du manche Sachen heute völlig anders spielen?
Darüber habe ich mir erst jetzt Gedanken gemacht. Aber irgendwie hat der Ränker nicht jeden Trend mitgemacht. Typisch ist BERLUCs Urknall auf zwei Toms, mit viel Hall bei "Glaube an Dich", "Die Erde lebt", "Bernsteinlegende" etc. Das ist eine Art Markenzeichen und spricht für unseren Sound.
Das Programm ist bemerkenswert. Es bietet auf den zwei Platten praktisch kaum Verschnaufpausen. Nach welchen Kriterien habt ihr damals ein Konzertprogramm zusammengestellt?
Bei unseren Muggen durften die großen Nummern wie "Hunderttausend Urgewalten", "Bermuda-Dreieck", "Fieber", "Bernsteinlegende", "Fliegen vor der Zeit", "Feuer in der Welt", "No Bomb", "Flügel" und natürlich "Die Erde lebt" nicht fehlen. Jedes Konzert war für mich ein Test und danach habe ich die Reihenfolge zusammengestellt.

BERLUC-Autogrammkarte 1985
Die "Bernsteinlegende" bringt es auf zehn Minuten. Solche ausladenden Stücke sind für eine Rockband heute eher ungewöhnlich. Welche Bedeutung hat dieses Stück für euch?
Die "Bersteinlegende" haben wir tatsächlich immer noch im Programm, weil die immer noch sehr gut ankommt und vom Publikum bei jeder Mugge mitgesungen wird.
Die Ausgangsaufnahme soll technisch ausgesprochen schwierig gewesen sein. Tonmeister Jörg-Rainer Friede hat sechs Monate an der Restaurierung gearbeitet. Wie viel von dem Ergebnis hat dich selbst überrascht, wenn du weißt, wie dürftig das Ausgangsmaterial geklungen hat?
Da müsste ich tatsächlich in die bearbeitete Version hinein hören, um das beurteilen zu können. Ich habe nur den unbearbeiteten Mitschnitt gehört und der hat mir schon gut gefallen. Ich bin gespannt, was Jörg daraus gemacht hat.
Interessant finde ich, dass bei der Veröffentlichung ganz offen mit den notwendigen Gitarren-Overdubs umgegangen wird. Hannes Pistor, der erst später und einige Zeit nach diesem Konzert bei BERLUC eingestiegen ist, hat die Aufgabe für die Bearbeitung der Aufnahme übernommen. War das für dich sofort in Ordnung, oder hättest Du es lieber gehabt, wäre der Mitschnitt vollkommen unangetastet geblieben?
Nein, das hat mich sehr gefreut, dass Hannes das gemacht hat. Hier hat man großen Wert auf perfektem Sound gelegt, und das ist - glaube ich - auch die Hauptsache. Wenn man ein so hochwertiges Produkt anbietet, möchte man auch das Optimum liefern. Die Verpackung, also das Cover und das beiliegende Heft, sind nah an der Perfektion. Und wie wir jetzt hier schon besprochen haben, du hast die lange Bearbeitungszeit durch Jörg-Rainer Friede ja vorhin erwähnt, Ist das beim Klang nun wohl auch der Fall.
Das Jahr 1984 war für BERLUC ohnehin ereignisreich. In unserem Gespräch 2008 hast du sehr lebhaft von eurer großen UdSSR-Tournee in dem Jahres erzählt. Wenn du heute auf 1984 zurückblickst: Wo stand die Band damals künstlerisch und innerhalb der DDR-Rockszene?
Ohne Übertreibung kann ich wohl sagen, dass wir immer unter den ersten 10 Bands der DDR standen. Wir waren live, in den Plattenläden und in den Medien sehr gut vertreten. Wir hatten bereits zwei Alben veröffentlicht, "Reise zu den Sternen" kam auch in der BRD raus, und das Dritte war in Vorbereitung. In der DDR-Jahreshitparade 1983 sind wir mit "No Bomb" auf dem ersten Platz gelandet und hatten mit "Gradaus" auch noch den siebten Platz belegt. Dazu die vielen Konzerte. Wir waren schon gut dabei damals …
Wenn du die Energie dieses hier jetzt veröffentlichten Konzerts hörst: Hattet ihr damals das Gefühl, dass BERLUC eigentlich noch größer werden könnte? Oder war euch bewusst, dass einer DDR-Rockband trotz aller Erfolge bestimmte Grenzen gesetzt waren?
Uns waren keine Grenzen gesetzt. Die Grenzen haben wir uns eigentlich selber gesetzt, indem insgesamt vier richtig gute Musiker die Band verlassen und die Ausreise beantragt haben. Das kann man nicht mal eben ersetzen. Gleichwertig schon gar nicht.

"Muggen vor der Zeit": BERLUC in den 1960ern
Auf der Platte stehen Lieder nebeneinander, deren Texte von Kurt Demmler, Burkhard Lasch und Sabine Heese stammen. Wenn du diese Texte heute hörst: Welche davon haben die vergangenen vier Jahrzehnte besonders gut überstanden?
Eigentlich alle Texte, weil sie vom Inhalt her immer noch in die Zeit passen. Das beste Beispiel ist "No Bomb". Wir rüsten ja gerade wieder auf … Auch "Glaube an Dich", "Die Erde lebt" oder "Hunderttausend Urgewalten". Die sind noch immer aktuell und zeitlos.
Gerade Stücke wie "No Bomb", "Feuer in der Welt" oder "Die Erde lebt" bekommen angesichts heutiger Kriege, atomarer Bedrohungen und Umweltprobleme wieder eine erschreckende Aktualität. Empfindest du das ähnlich, wenn du diese alten BERLUC-Texte heute hörst?
Eigentlich sollten Musiker lieber Musik machen und sich mit politischen Statements zurückhalten. Aber der Friedensgedanke in unseren Liedern ist ehrlich gemeint und er ist unsere Grundhaltung. Auch heute noch, und wir stimmen da mit vielen Musikern, die ich kenne, überein.
Das 20-seitige Booklet enthält zahlreiche Fotos von Bernd Lammel aus den Jahren 1982 bis 1985. Lösen diese Bilder etwas in Dir aus?
Ich trauere alten Zeiten nicht hinterher und wenn sie mir in den Sinn kommen, denke ich nur an die schönen Momente. Und dieses Booklet ist voll davon …
Die Doppel-LP ist auf lediglich 500 Exemplare begrenzt. Wir leben 2026 in einer Zeit, in der nahezu jede Musik jederzeit digital verfügbar ist. Was bedeutet es dir, dass ausgerechnet ein Konzert von 1984 noch einmal ganz klassisch und aufwendig als Doppel-Vinyl erscheint? Und das NUR auf Vinyl?
Naja, Kassetten gibs ja nun nicht mehr (lacht). Dieses Konzert von 1984 ist auch eine Hommage an unseren damaligen Frontmann Manfred "Manne" Kähler, der BERLUC mit entscheidend geprägt hat und das in einer Zeit, wo jedes Konzert - und das waren im Monat mindestens zwanzig - von großem Erfolg gekrönt war. Hinzu kommt, dass wir ein paar Monate vorher mit "No Bomb" noch den Hit des Jahres hatten. Ohne in Nostalgie zu verfallen erinnere ich mich gern an diese Zeit und viele Fans auch.
Wahrscheinlich werden die Platte nicht nur Menschen kaufen, die BERLUC damals selbst erlebt haben. Was würdest du einem jüngeren Rockfan sagen, der Euch bislang nur dem Namen nach kennt: Warum sollte er sich ausgerechnet dieses Konzert von 1984 anhören?
Wir staunen immer wieder, wie viele junge Leute am Merchandise-Stand unsere LPs und DVDs, die auch älter sind, kaufen. Unsere Musik scheint gut gealtert zu sein. Für diesen Live-Mitschnitt aus Prenzlau kann ich eigentlich nur die Empfehlung aussprechen, ihn sich zuzulegen. Da macht man keinen Fehler.
Du hast einen großen Teil deines Lebens mit BERLUC verbracht. Wenn du dieses Doppelalbum heute wie ein Außenstehender betrachten könntest: Welchen Platz nimmt dieser Mitschnitt innerhalb der Geschichte der Band ein?
Das Doppelalbum hat für mich einen sehr großen Stellenwert, und ich bin ROKKfilm und JUB sehr dankbar dafür, dass diese Platten nun noch erscheinen können. Ein richtiges Livealbum hat es von uns bisher noch nicht gegeben und mit dieser Veröffentlichung schließt sich nun eine Lücke.
Und zum Schluss eine etwas persönliche Frage: Stell dir vor, du könntest beim Konzert in Prenzlau 1984 für fünf Minuten hinter die Bühne gehen und dem damaligen Dietmar Ränker begegnen. Was würdest du diesem Mann heute über die kommenden 42 Jahre erzählen - und welchen Rat würdest du ihm vielleicht geben?
Den würde ich so zutexten, dass ihm die Gesichtshälften einschlafen.
Dietmar, ich danke dir für die vielen Antworten auf meine vielen Fragen. Hast du am Ende noch eine abschließende Botschaft die du an die Leser richten möchtest?
Wir würden uns freuen, wenn die 400 "normalen" Exemplare dieses Doppelalbums genauso gut laufen würden, wie die erste 100 Sonderpressungen in rotem Vinyl, denn die waren nach dem Start des Vorverkaufs ja schon nach 24 Stunden alle weg.
Dietmar, mehr als 40 Jahre nach diesem Konzert in Prenzlau erscheint nun plötzlich ein kompletter Berluc-Abend von 1984 auf Doppel-LP. Stammt dieser Mitschnitt aus deinem privaten Fundus, oder wo kommt er her?
Jens-Uwe Berndt, genannt JUB, von ROKKfilm gab mir die Info, dass der Mittschnitt vom Rundfunk ist. Er hat ihn dort aus dem Archiv gehoben, und sein Label hat die Aufnahmen für eine Veröffentlichung bearbeitet.
Weißt du noch, wann du zum ersten Mal erfahren hast, dass dieser Mitschnitt überhaupt noch existiert - und was war dein erster Gedanke?
Über JUB hab ich davon erfahren. Mein erster Gedanke war, "Oh, was soll die Leiche? Nach so viel Jahren will das doch keiner mehr hören." JUB ließ aber nicht locker bis ich gesagt habe, "Na, dann komm mal mit dem Mitschnitt auf einem Stick zu mir". Als ich das dann hörte war ich überrascht, wie gut das ab geht.

Das Album "Fliegen vor der Zeit (live 1984)"
Kannst du dich an den konkreten Abend in Prenzlau noch erinnern? Gibt es irgendetwas, das dir sofort wieder in den Kopf kam, als du die Aufnahmen nach all den Jahrzehnten gehört hast?
An Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern, dafür ist das viel zu lange her. Aber als ich das Band gehört habe, war das schon unglaublich. Heute weiß ich, warum wir so viele Fans hatten und haben.
Wenn man einen solchen Mitschnitt hört, begegnet man gewissermaßen seinem eigenen, gut 40 Jahre jüngeren Ich. Wie war das für dich? Hörst du als Schlagzeuger zuerst auf dein eigenes Spiel oder nimmst du Berluc heute eher als Gesamtbild wahr?
BERLUC habe ich schon immer als Gesamtbild gesehen. Aber natürlich hört man auf einem solchen Mitschnitt, wie man sich über all die Jahre selbst weiterentwickelt hat. Ich bin ja nun von Anfang an in dieser Band und kann das daher am besten beurteilen. Aber auch wenn ich diese Unterschiede höre, achte ich trotzdem nicht allzu sehr auf meine Arbeit, sondern auf das Zusammenspiel der gesamten Band.
Der Pressetext des Labels bezeichnet die Besetzung mit Manfred Kähler, Detlef Brauer, Wolfgang Hoffmann, Alexander Stehr und dir als die vielleicht beste Besetzung von BERLUC. Würdest du das unterschreiben?
Wenn das ROKKfilm so sieht, wird da wohl was dran sein. Es war wirklich eine kreative Band und eine sehr gute Besetzung.
Manfred Kähler hast du schon in unserem Interview 2008 als einen Sänger bezeichnet, der BERLUC entscheidend geprägt hat. Was hatte Manne auf der Bühne, was vielleicht kein anderer BERLUC-Sänger in dieser Form hatte?
Über die Stimme kann man sich vielleicht streiten, aber Manne hatte etwas ganz Entscheidendes, und das war die Unverwechselbarkeit. Seine Stimme und seinen Stil hat man damals schon 100 Meter gegen den Wind erkannt.

Immer für einen Spaß bereit: Dietmar Ränker
Im Pressetext heißt es ziemlich selbstbewusst: "BERLUC waren auf der Bühne eine Macht." Woher kommt diese Beschreibung?
Ich habe mich lange mit JUB unterhalten und dabei gemerkt, dass er weiß wovon er spricht. Er kannte die Band schon damals sehr gut und hat sich Konzerte von uns angehört. Daher kommt der Spruch, "BERLUC war auf der Bühne eine Macht", auch von ihm. Wir versuchen das heute noch bei Konzerten rüber zu kriegen wie wir damals bei den Leuten angekommen sind.
Die Platte zeigt auch, wie hart BERLUC 1984 tatsächlich gespielt haben. War euch damals eigentlich bewusst, dass ihr euch damit innerhalb der DDR-Rockszene ziemlich weit in Richtung Hard Rock beziehungsweise Heavy Metal bewegt hattet, oder waren solche Schubladen für euch völlig uninteressant?
Schubladen waren für mich schon immer uninteressant. Wir haben das gespielt was wir gefühlt haben.
Als Schlagzeuger hattest du bei dieser Musik natürlich eine Schlüsselrolle. Wenn du dein Spiel von 1984 heute hörst: Was war damals typisch "Dietmar Ränker"? Und würdest du manche Sachen heute völlig anders spielen?
Darüber habe ich mir erst jetzt Gedanken gemacht. Aber irgendwie hat der Ränker nicht jeden Trend mitgemacht. Typisch ist BERLUCs Urknall auf zwei Toms, mit viel Hall bei "Glaube an Dich", "Die Erde lebt", "Bernsteinlegende" etc. Das ist eine Art Markenzeichen und spricht für unseren Sound.
Das Programm ist bemerkenswert. Es bietet auf den zwei Platten praktisch kaum Verschnaufpausen. Nach welchen Kriterien habt ihr damals ein Konzertprogramm zusammengestellt?
Bei unseren Muggen durften die großen Nummern wie "Hunderttausend Urgewalten", "Bermuda-Dreieck", "Fieber", "Bernsteinlegende", "Fliegen vor der Zeit", "Feuer in der Welt", "No Bomb", "Flügel" und natürlich "Die Erde lebt" nicht fehlen. Jedes Konzert war für mich ein Test und danach habe ich die Reihenfolge zusammengestellt.

BERLUC-Autogrammkarte 1985
Die "Bernsteinlegende" bringt es auf zehn Minuten. Solche ausladenden Stücke sind für eine Rockband heute eher ungewöhnlich. Welche Bedeutung hat dieses Stück für euch?
Die "Bersteinlegende" haben wir tatsächlich immer noch im Programm, weil die immer noch sehr gut ankommt und vom Publikum bei jeder Mugge mitgesungen wird.
Die Ausgangsaufnahme soll technisch ausgesprochen schwierig gewesen sein. Tonmeister Jörg-Rainer Friede hat sechs Monate an der Restaurierung gearbeitet. Wie viel von dem Ergebnis hat dich selbst überrascht, wenn du weißt, wie dürftig das Ausgangsmaterial geklungen hat?
Da müsste ich tatsächlich in die bearbeitete Version hinein hören, um das beurteilen zu können. Ich habe nur den unbearbeiteten Mitschnitt gehört und der hat mir schon gut gefallen. Ich bin gespannt, was Jörg daraus gemacht hat.
Interessant finde ich, dass bei der Veröffentlichung ganz offen mit den notwendigen Gitarren-Overdubs umgegangen wird. Hannes Pistor, der erst später und einige Zeit nach diesem Konzert bei BERLUC eingestiegen ist, hat die Aufgabe für die Bearbeitung der Aufnahme übernommen. War das für dich sofort in Ordnung, oder hättest Du es lieber gehabt, wäre der Mitschnitt vollkommen unangetastet geblieben?
Nein, das hat mich sehr gefreut, dass Hannes das gemacht hat. Hier hat man großen Wert auf perfektem Sound gelegt, und das ist - glaube ich - auch die Hauptsache. Wenn man ein so hochwertiges Produkt anbietet, möchte man auch das Optimum liefern. Die Verpackung, also das Cover und das beiliegende Heft, sind nah an der Perfektion. Und wie wir jetzt hier schon besprochen haben, du hast die lange Bearbeitungszeit durch Jörg-Rainer Friede ja vorhin erwähnt, Ist das beim Klang nun wohl auch der Fall.
Das Jahr 1984 war für BERLUC ohnehin ereignisreich. In unserem Gespräch 2008 hast du sehr lebhaft von eurer großen UdSSR-Tournee in dem Jahres erzählt. Wenn du heute auf 1984 zurückblickst: Wo stand die Band damals künstlerisch und innerhalb der DDR-Rockszene?
Ohne Übertreibung kann ich wohl sagen, dass wir immer unter den ersten 10 Bands der DDR standen. Wir waren live, in den Plattenläden und in den Medien sehr gut vertreten. Wir hatten bereits zwei Alben veröffentlicht, "Reise zu den Sternen" kam auch in der BRD raus, und das Dritte war in Vorbereitung. In der DDR-Jahreshitparade 1983 sind wir mit "No Bomb" auf dem ersten Platz gelandet und hatten mit "Gradaus" auch noch den siebten Platz belegt. Dazu die vielen Konzerte. Wir waren schon gut dabei damals …
Wenn du die Energie dieses hier jetzt veröffentlichten Konzerts hörst: Hattet ihr damals das Gefühl, dass BERLUC eigentlich noch größer werden könnte? Oder war euch bewusst, dass einer DDR-Rockband trotz aller Erfolge bestimmte Grenzen gesetzt waren?
Uns waren keine Grenzen gesetzt. Die Grenzen haben wir uns eigentlich selber gesetzt, indem insgesamt vier richtig gute Musiker die Band verlassen und die Ausreise beantragt haben. Das kann man nicht mal eben ersetzen. Gleichwertig schon gar nicht.

"Muggen vor der Zeit": BERLUC in den 1960ern
Auf der Platte stehen Lieder nebeneinander, deren Texte von Kurt Demmler, Burkhard Lasch und Sabine Heese stammen. Wenn du diese Texte heute hörst: Welche davon haben die vergangenen vier Jahrzehnte besonders gut überstanden?
Eigentlich alle Texte, weil sie vom Inhalt her immer noch in die Zeit passen. Das beste Beispiel ist "No Bomb". Wir rüsten ja gerade wieder auf … Auch "Glaube an Dich", "Die Erde lebt" oder "Hunderttausend Urgewalten". Die sind noch immer aktuell und zeitlos.
Gerade Stücke wie "No Bomb", "Feuer in der Welt" oder "Die Erde lebt" bekommen angesichts heutiger Kriege, atomarer Bedrohungen und Umweltprobleme wieder eine erschreckende Aktualität. Empfindest du das ähnlich, wenn du diese alten BERLUC-Texte heute hörst?
Eigentlich sollten Musiker lieber Musik machen und sich mit politischen Statements zurückhalten. Aber der Friedensgedanke in unseren Liedern ist ehrlich gemeint und er ist unsere Grundhaltung. Auch heute noch, und wir stimmen da mit vielen Musikern, die ich kenne, überein.
Das 20-seitige Booklet enthält zahlreiche Fotos von Bernd Lammel aus den Jahren 1982 bis 1985. Lösen diese Bilder etwas in Dir aus?
Ich trauere alten Zeiten nicht hinterher und wenn sie mir in den Sinn kommen, denke ich nur an die schönen Momente. Und dieses Booklet ist voll davon …
Die Doppel-LP ist auf lediglich 500 Exemplare begrenzt. Wir leben 2026 in einer Zeit, in der nahezu jede Musik jederzeit digital verfügbar ist. Was bedeutet es dir, dass ausgerechnet ein Konzert von 1984 noch einmal ganz klassisch und aufwendig als Doppel-Vinyl erscheint? Und das NUR auf Vinyl?
Naja, Kassetten gibs ja nun nicht mehr (lacht). Dieses Konzert von 1984 ist auch eine Hommage an unseren damaligen Frontmann Manfred "Manne" Kähler, der BERLUC mit entscheidend geprägt hat und das in einer Zeit, wo jedes Konzert - und das waren im Monat mindestens zwanzig - von großem Erfolg gekrönt war. Hinzu kommt, dass wir ein paar Monate vorher mit "No Bomb" noch den Hit des Jahres hatten. Ohne in Nostalgie zu verfallen erinnere ich mich gern an diese Zeit und viele Fans auch.

Wahrscheinlich werden die Platte nicht nur Menschen kaufen, die BERLUC damals selbst erlebt haben. Was würdest du einem jüngeren Rockfan sagen, der Euch bislang nur dem Namen nach kennt: Warum sollte er sich ausgerechnet dieses Konzert von 1984 anhören?
Wir staunen immer wieder, wie viele junge Leute am Merchandise-Stand unsere LPs und DVDs, die auch älter sind, kaufen. Unsere Musik scheint gut gealtert zu sein. Für diesen Live-Mitschnitt aus Prenzlau kann ich eigentlich nur die Empfehlung aussprechen, ihn sich zuzulegen. Da macht man keinen Fehler.
Du hast einen großen Teil deines Lebens mit BERLUC verbracht. Wenn du dieses Doppelalbum heute wie ein Außenstehender betrachten könntest: Welchen Platz nimmt dieser Mitschnitt innerhalb der Geschichte der Band ein?
Das Doppelalbum hat für mich einen sehr großen Stellenwert, und ich bin ROKKfilm und JUB sehr dankbar dafür, dass diese Platten nun noch erscheinen können. Ein richtiges Livealbum hat es von uns bisher noch nicht gegeben und mit dieser Veröffentlichung schließt sich nun eine Lücke.
Und zum Schluss eine etwas persönliche Frage: Stell dir vor, du könntest beim Konzert in Prenzlau 1984 für fünf Minuten hinter die Bühne gehen und dem damaligen Dietmar Ränker begegnen. Was würdest du diesem Mann heute über die kommenden 42 Jahre erzählen - und welchen Rat würdest du ihm vielleicht geben?
Den würde ich so zutexten, dass ihm die Gesichtshälften einschlafen.
Dietmar, ich danke dir für die vielen Antworten auf meine vielen Fragen. Hast du am Ende noch eine abschließende Botschaft die du an die Leser richten möchtest?
Wir würden uns freuen, wenn die 400 "normalen" Exemplare dieses Doppelalbums genauso gut laufen würden, wie die erste 100 Sonderpressungen in rotem Vinyl, denn die waren nach dem Start des Vorverkaufs ja schon nach 24 Stunden alle weg.
Interview: Christian Reder
Fotos: Dietmar Ränker privat, Petra Meißner, Herbert Schulze
Fotos: Dietmar Ränker privat, Petra Meißner, Herbert Schulze
